Von Gibraltar zu den Kanaren

Atlantiküberquerung, Teil 1.

Nachdem ich unseren streikenden Außenborder trotz mehrmaligem Zerlegen nicht mehr zum Laufen gebraucht habe, hatte ich ihn vor einer Woche zu einem lokalen Mechaniker in Reparatur gegeben. Gestern haben wir ihn endlich zurückbekommen. Die Windvorhersagen sind nicht optimal, aber langsam kommen wir unter Zeitdruck, wenn wir Weihnachten in der Karibik feiern wollen. Heute geht es darum los! Das Boot ist fit, Evelyn hat den Proviant aufgefüllt. Wir füllen unsere Wassertanks und verabschieden uns von Silke und Frederico auf dem Nachbarboot. Die Schweizer wollen mit ihren 2 herzigen Kindern ebenfalls über den Atlantik. Zu zweit das Boot segeln, die Kinder unterrichten und beschäftigen – Chapeau, wir ziehen unseren Hut!

5.11.2022, 17:00, N 36°09.5′ W 5°21.4′, Marina Alcadeisa, La Linea – Spanien
Die Abmeldung in der Marina geht schnell. Die freundlichen Damen verrechnen uns für 2 Tage, Wasser und Strom 112,30 €. Ein fairer Preis. Wir verzichten auf die Hilfe von Marineros und legen selber ab. Es ist wenig Wind und der Platz zwischen den Fingerstegen, der normalerweise für 2 Einrumpfer gerechnet ist, breit genug. Wir haben uns vormittags schon schlau gemacht, wann in der Meerenge der geringste Gegenstrom fliesst, und unsere Abfahrt entsprechend eingeplant. Es geht durch die Bucht von Gibraltar, das Mar de Isidro vorbei an vielen vor Anker liegenden Frachtern und Tankern. Wir werden laufend von Fähren und anderen Schiffen überholt oder gekreuzt und im Uferbereich wird auch noch von vielen Booten aus gefischt. Es herrscht viel Verkehr, trotzdem gibt es in der Bucht erstaunlich viele Delphine von denen uns einige begegnen.

Schließlich geht es am Punta del Carnero vorbei in die Straße von Gibraltar. Wir halten uns zwischen dem Sperrgebiet am Ufer und dem Verkehrstrenngebiet auf der spanischen Seite und haben noch bis zu 3kn Gegenstrom, bis wir um 20:30 in der Mitte das Verkehrstrenngebiet in Richtung Port of Tanger durchqueren. Gegen 21:40 haben wir das Verkehrstrenngebiet passiert, und fahren der Küste Marokkos entlang nach Westen. Unsere Rechnung geht sich aus: Wir haben fast keinen Gegenstrom mehr, und machen 5 kn mit einer Maschine. Der Hafen von Tanger ist mit LEDs beleuchtet, und schon von Weitem sichtbar.

6.11.2022, 2:15, N 35°48′ W 5° 43.6′, Cap Spartel
Nach dem das Cap gerundet ist, richtet die ARIES ihren Bug nach Sudwesten. Es herrscht Flaute, wir fahren deshalb mit einer Maschine mit knapp 5 kn (Ecodrehzahl). Gegen 3:00 geht die Drehzahl runter und wir bemerken starke Vibrationen. Vermutlich haben wir uns ein Stück Netz oder eine Fischerleine eingefangen. Wir stoppen den Backboardmotor und fahren mit der Steuerbordmaschine weiter. Das ist für die Freiwache nicht so angenehm, weil unser Schlafzimmer auf der Steuerbordseite liegt.
10:30, N 35°21.2′ W 6°25.2′, Ras el Nuida
Nachdem wir einige Fischer umfahren haben und in freien Gewässern sind, ist ein Stopp angesagt. Mit Maske, Schnorchel und Flossen ausgerüstet geht’s unters Schiff zum Propeller. Das Problem ist ein Düngemittelsack aus starkem Kunststoffgewebe, der sich im Propeller verheddert hat. Leider beobachten wir oft, dass an Land achtlos weggeworfene oder liegengelassene Kunststoffabfälle durch den Wind oder über Regenfälle in die Bäche und Flüsse und schließlich ins Meer gelangen. Dort zersetzt sich das ganze im Laufe der Jahre durch die UV Einstrahlung und wird schließlich zu Microplastic, das dann über den Fisch in unsere eigene Nahrungskette gelangt, oder aber z.B. für uns Segler auch direkt zu Problemen führt …

Nachdem das Problem behoben ist, gibt es ein bisschen Wind. Wir setzen Segel und laufen mit 5 kn auf Kurs 225°. Am Nachmittag dreht der Wind und wir segeln fast auf West Kurs. Bis zu unserem ersten Ziel auf den Kanaren sind es noch 500 nm. Abends frischt der Wind auf. Das Boot segelt mit 6 kn auf Kurs. Die Dünung hebt alle 13 Sekunden 2 m hoch, bevor es auf der Rückseite wieder bergab geht.

Die nächsten beiden Tage bleibt der Wind bescheiden, und wir müssen leider mehr als geplant unsere Motoren einsetzen, um vorwärts zu kommen. Ein riesiges Tiefdruckgebiet vor England saugt uns quasi den Wind weg und für die kommenden Tage ist keine Änderung in Sicht, bevor wir nicht aus dem Einflussbereich kommen.

Beim Fotografieren eines Schiffes auf Parallelkurs gelingt mit noch ein ungeplanter Schnappschuss: Vor dem Boot taucht gerade noch ein Delphin oder Wal aus den Fluten.

2 Vögelchen besuchen uns auf dem Boot. Vermutlich sind sie mit den Insekten vom Land Richtung Meer geflogen. Sie ruhen sich ein wenig aus, und picken ein bisschen an unseren Pflanzen herum, bevor sie sich wieder auf den Rückweg machen.

9.11.2022, 14:00, N 31°04.5′ W 10°3.1′ Südwestlich von Cabo Hadid
Wir haben uns an die Kursvorgaben von Predict Wind gehalten, jetzt kommt der vorhergesagte Wind. Mit 12-16 kn Wind aus Nord machen wir gute 6 kn in Richtung Ziel. Gegen Abend wird der Wind stärker – das erste Reff ist angesagt. Ab jetzt haben wir bis zum Ziel immer genügend Wind zum Segeln.

11.11.2022, 04:30, N 29°13.1′ W 13°31.8′, La Graciosa.
Wir sind in auf den Kanarischen Inseln gelandet und ankern vor der Playa Francesca. Müde fallen wir ins Bett und schlafen aus. Zum Frühstück haben wir einen tollen Blick auf die hübschen, bunten Vulkankegel, denen die Insel ihren Namen verdankt.

Kurz vor 11:00 geht der Anker hoch. Die Aries richtet ihren Bug unter Segel nach Süden. Es geht der Küste von Lanzarote entlang Richtung Gan Canaria.
Links von uns ziehen schwarze Klippen vor dunkelblauem Wasser dahin, unterbrochen von einzelnen Ortschaften mit weißgetünchten Häusern. Eine dramatische Kulisse, die durch die Gischt der Brandung noch eindrucksvoller wirkt. Wir sitzen auf dem Sonnendeck und genießen die Eindrücke.

Bei den aktuellen Windverhältnissen kann unser Catamaran seine Stärke voll ausspielen. Unter Spinnaker lassen wir die Einrumpfer, die kurz vor oder mit uns gestartet sind, bald weit hinter uns. Gegen Abend steigen die Windgeschwindigkeiten bis auf 18 kn. Wir segeln mit 8 kn dahin, und erreichen im Surf von den Wellenbergen bis zu 10 kn Fahrt.

Wieder mal ist es Zeit die Uhren umzustellen. Die Kanaren liegen in der selben Zeitzone wie die UTC. Es ist also eine Stunde früher als die Lokalzeit in Österreich.

12.11.2022, 0:00, N 28°25.6′ W 14°50.7
Kurz vor Mitternacht hat der Wind nochmals zugelegt. Zuviel für den Spinnaker, der durch die Genua ersetz wird. Wir sind nicht mehr so schnell, dafür segelt das Schiff jetzt wesentlich ruhiger dahin – angenehm für die Nachtruhe der Freiwache. In den Schiffahrtsrouten vor Gran Canaria herrscht auch mitten in der Nacht reger Verkehr. Die „Macarena B“ passiert uns in weniger als 100 m Entfernung.
Auf dem Plotter bekommt man schon einen Eindruck, wie viele Boote vermutlich in Palma auf den Start der ARC (Rally across the Atlantic) warten. Dieses Getümmel und Großveranstaltungen wie die ARC sind nicht unseres, also richten wir den Kurs auf die Südspitze von Gran Canaria.

Gigantisch, wie viele Windgeneratoren mittlerweile auf der Insel installiert sind.

Vermutlich ein Tribut an den Energiehunger der großen Hotels. Hier herrscht Mitte November Hochbetrieb an den Stränden. Die Hotels haben Hochsaison und beherbergen jetzt viele Gäste, die vor dem kühlen Wetter in Nord- und Mitteleuropa flüchten. Wie wir leider erst eine Woche später erfahren auch Evelyns Schwester Isolde und ihr Gatte Niki. Gerne hätten wir sie getroffen.

13:00, N 27°44.7′ W 15°37.1′. Kurz nach Mittag ankern wir vor der Marina von Pasito Blanco in 5 m Wassertiefe auf sandigem Grund. Seit unserer Abfahrt in Gibraltar haben wir 780 nm (ca. 1450 km) zurückgelegt. Nach einer Jause geht es mit dem Dinghy an Land.

Wir erkunden die Umgebung der Marina und kaufen ein paar Lebensmittel ein. Wir haben nicht vor lange zu bleiben, den die nächste Etappe zu den Kap Verden liegt bereits vor uns. Darüber berichtet aber der nächste Beitrag …

2 Comments

2 Comments

  1. Martina says:

    Ihr Lieben! Grüße von den Salzburgern, die Euch in Elba auf dem Boot besucht haben. 🙂 Gute Überfahrt! Ich werde Euren Reiseberichten gespannt folgen. GLG

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